
Dieser Blogbeitrag ist eine Ermutigung an alle, die gerade nicht weiterwissen, weil ein großer Traum geplatzt ist. Ich rufe mir und euch zu: „Wissenschaft (oder was Euer Traum sein mag) ist nicht alles!“ Bis vor einiger Zeit war die Promotion mein größtes Ziel. Die Wissenschaft war mein Leben. Heute bin ich nicht promoviert – und ich kann immer mehr das Glück darin erkennen. Viele Jahre habe ich mich mit dem Gefühl gequält, gescheitert zu sein. Manchmal kommt es immer noch zu Besuch. Zum Glück verliert es langsam seinen Schrecken.
Heute kann ich sagen: Das Leben lässt sich auch ganz prächtig ohne das Erreichen eines Ziels fortführen und alles, was wir auf unserem (Lebens-)Weg lernen, kann uns in der Zukunft hilfreich sein. Dafür hat es Zeit, zahlreiche liebevolle Menschen und Gespräche sowie neue Erfahrungen gebraucht. So kann ich heute immer öfter erleben: Es ist wunderschön, was ich alles nicht mehr denken, tun oder sein will, weil ich nicht mehr in der Wissenschaft arbeite. Eine neue Freiheit ist entstanden. Doch bevor ich weiter darauf eingehe, was ich in den letzten Jahren auf meinem Weg gelernt habe, will ich mich kurz vorstellen:
Ich heiße Erik Bertram und arbeite zurzeit ich im Landesnetzwerk für Bürgerschaftliches Engagement Bayern e.V. (LBE). Zusammen mit meinen Kolleginnen erarbeite ich Unterstützungsangebote für Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Wir bieten in Präsenz und online Fortbildungen und Coachings zu Themen wie: Recht, Buchhaltung und Versicherung oder Agiles Arbeiten im Verein, Storytelling in Öffentlichkeitsarbeit und Resilienz im freiwilligen Engagement. Davor habe ich an der KU Eichstätt-Ingolstadt (2018–2022) im Transferprojekt Mensch in Bewegung gearbeitet, an der Universität Bayreuth (2015–2017) geforscht und in Bonn und Bristol Geographie (2007–2014) studiert.
Wie helfen mir nun meine Erfahrungen aus Academia und darüber hinaus in der Berufspraxis?
Im LBE arbeiten wir in flachen Hierarchien zusammen. Hierbei profitiere ich sehr von meinem Forschungswissen, denn an der Universität Bayreuth habe ich über Selbstorganisationprozesse von Nachhaltigkeitsinitiativen geforscht. Zum Beispiel habe ich dadurch gelernt,
- … wie wichtig es ist, Menschen aufmerksam zuzuhören, um ihre Perspektive kennenzulernen und ihre Beweggründe zu verstehen. Denn wenn Menschen gegenseitig ihre Bedürfnisse nachvollziehen können, ist es leichter für uns, zusammen etwas zu bewegen. Und Konflikte können leichter gelöst werden, wenn ich verstehe, durch welche „Brille“ mein Gegenüber auf eine Herausforderung schaut.
- … wie klare und gut moderierte Meetingstrukturen, die Arbeit erleichtern und Spaß bringen.
- … wie hilfreich eine gegenseitige Wertschätzung und eine lebendige Feedbackkultur sind.
Darüber hinaus kommt mir zugute, was ich in meiner vorherigen Anstellung, im Transferprojekt Mensch in Bewegung gelernt habe. Das Projekt hat zum Ziel, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Kommune und Wirtschaft in einen engeren Kontakt zu bringen und dadurch Impulse für eine Nachhaltigeren Entwicklung in die Region zu senden. Die Wichtigste Erkenntnis zuallererst: Wissen vermitteln allein reicht nicht!
Es geht darum, Menschen anzusprechen und ihre eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten an die Oberfläche zu bringen und darauf aufbauend gemeinsam Ideen zu entwickeln und zu handeln. Lernen gelingt dann am effektivsten, wenn es direkt an der eigenen Erfahrung andockt und angewandt wird.
Im Projekt „Mensch in Bewegung“ konnte ich daneben auch meine Moderations- und Prozessgestaltungsfähigkeiten vertiefen. Diese sind mir eine große Hilfe bei der Entwicklung des Fortbildungsprogramms im LBE. Aus diesen Erfahrungen sind zudem zwei wunderbare kleine Broschüren entstanden, die (zivilgesellschaftliche) Organisationen und Teams bei der Zusammenarbeit unterstützen sollen:
- Digitalisierung in Vereinen und Initiativen – Ein Einstieg in einen bewusst gestalteten Prozess
- Voneinander Lernen – Miteinander gestalten: Neue Handreichung für Initiativen und Vereine
Außerdem lerne ich bei der Arbeit im LBE immer wieder aufs Neue: Netzwerkarbeit ist Beziehungsarbeit.
Wenn ich ein Netzwerk aufbauen oder unterstützen möchte, dann gründet das auf persönlichen Beziehungen. Daher muss ich wissen, wie es den Menschen geht, die Teil des Netzwerks sind: Was bewegt sie gerade, woran arbeiten sie und wobei brauchen sie jetzt Hilfe? Wer arbeitet an den gleichen Themen? Wer verfolgt gerade das gleiche Ziel?
Von eigenen Vorstellungen, Zielen und Definitionen lösen
Für diese Beziehungsarbeit ist sehr hilfreich, wenn wir uns von unseren eigenen Vorstellungen, Zielen und Definitionen – immerhin zeitweise – lösen können. Wissenschaftliche Debatten verlieren sich viel zu oft im Kampf um richtige Definitionen und Konzepte. Das genaue Festnageln, was mit einem Wort gemeint ist, ist im Miteinander nicht so wichtig, wie wir glauben. Es braucht vielmehr Empathie und Mitgefühl. Wenn ich damit leben kann, den anderen nicht ganz genau zu verstehen, muss ich ihn auch nicht von meiner Meinung überzeugen – und umgekehrt. Dass ermöglicht gegenseitige Offenheit. Können wir also unsere Ideen und Pläne innerlich parken und uns für die Begegnungen mit der anderen Person öffnen? Um dann zusammen ein gemeinsames Vorhaben in der Interaktion entstehen zu lassen. Denn partizipatives Arbeiten gelingt dann am besten, wenn Angebote, Formate oder neue Vorhaben nicht übergestülpt, sondern mit den Menschen zusammen erarbeitet werden.
Denn Kooperation braucht gemeinsame Vorhaben, fühlbare Handlungen. Nur so lässt sich gemeinsame Zusammenarbeit ins Leben rufen. Hier steht meiner Erfahrung nach in der wissenschaftlichen Arbeitswelt zu oft das Sprechen im Vordergrund: es wird analysiert, Ideen gesponnen oder einem „man könnte/müsste doch mal“ nachgegangen. Die Zielsetzung wird oft auf Publikationen verengt. Aber weitaus öfter haben gemeinsamen Aktivitäten, seien sie auch noch so klein (z.B. eine Filmvorführung oder ein gemeinsamer Workshop), einen konkreten Mehrwerte für die Kooperationspartner, der zur Verbesserungen von spezifischen Problemlagen beiträgt, zusätzliche Ressourcen schafft, oder das Interesse der Öffentlichkeit weckt.
So kann ich heute mit Zufriedenheit sagen: Gerade, weil ich nicht mehr in der Wissenschaft arbeite, kann ich viel freier, unabhängiger und entdeckungsfreudiger neue Projekte mit anderen Menschen starten. Sicherlich liegt das nicht nur am Wissenschaftssystem, sondern auch an den weiteren Erfahrungen (wie z.B. die Achtsamkeit, Projekte mit Gruppen), die mein Leben seitdem bereichert haben. Und ich bin froh, dass ich nicht mehr davon abhängig bin, wer was als „richtiges“ Wissen festsetzt, sondern dass ich ganz frei, und mit Entdeckungsfreude jenseits von Academia eigene Erfahrungen sammeln kann.