Erfolgreicher Wandel beginnt unerwartet – Erste Schritte aus der Wissenschaft

von Sandra Jansen

In einem LinkedIn Post vor einigen Wochen habe ich über meine Selbstfindungsphase während des Ausstiegs aus der Wissenschaft geschrieben. in diesem Beitrag werde ich ein wenig mehr zu den einzelnen Schritten in dieser wichtigen Phase  schreiben.

In vielen Fällen, so auch zu Beginn bei mir, wird der  Selbstfindungsphase während des Ausstiegs aus der Wissenschaft nicht viel Beachtung geschenkt, was dann häufig dazu führt, dass die Suche auf einem Stellenportal sofort abgebrochen wird, weil man nicht weiß, was man sucht oder was man kann. Zu Beginn meines Ausstiegsprozesses habe ich meine Fähigkeiten auf fachliche Bereiche beschränkt und war sehr frustriert, dass niemand eine Soziolinguistin suchte, die englische Vokale messen kann und sich mit der Dialektlandschaft in Großbritannien auskennt. Erst langsam wurde mir klar, dass ich eine andere Strategie für den Ausstieg entwickeln musste.

Der Ausstieg aus der Wissenschaft war eine weitreichende Entscheidung, die nicht nur praktische Überlegungen zu Karrierechancen und finanzieller Sicherheit umfasste, sondern auch tiefgreifende persönliche und wertebasierte Aspekte berührte. Deshalb war es mir wichtig, mir nach meiner ersten nicht erfolgreichen Annäherung Zeit zu nehmen, um in mich hineinzuhorchen, um diesen Veränderungsprozess anzustoßen.

Schritt I: Glaubenssätze und Gewohnheiten hinterfragen

Es hat lange gedauert, bis ich die endgültige Entscheidung getroffen hatte, die Wissenschaft zu verlassen. Ich fühlte mich immer wieder fremdbestimmt und überfordert durch den Wettbewerb auf die wenigen Professuren und doch war das das Ziel, dass ich vor Augen hatte. #ichbinhanna entstand in der Pandemie, zu einer Zeit als es mir gesundheitlich nicht gut ging und ich eine Therapie anfingbegann. Meine Therapeutin fing sukzessive an, nach meinen Motiven für meine Berufswahl zu fragen. Erst da wurde mir bewusst, dass ich an einem Job und einem System festhielt, dass mich nicht wertschätzte, egal wieviel ich arbeitete. Ich hinterfragte alte Gewohnheiten wie das Arbeiten an Wochenenden, unbezahlte Arbeit für Millionenkonzerne bzw. Verlage, veraltete Vorstellungen wie Scheitern, wenn man die Wissenschaft verlässt und unnötige Bindungen, die mich von meinem Ausstieg abhielten. Ich durchleuchtete, welche Elemente meiner wissenschaftlichen Karriere auf Glaubenssätzen beruhten, die nicht länger dienlich waren und wagte es, sie loszulassen. Die Externalisierung dieser Glaubenssätze half mir dabei. Ich stellte mir kleine Monster vor, die sich in meinem Kopf an den Glaubenssätzen satt fraßen.

Schritt II: Sich eingestehen, dass etwas nicht mehr passt

Schon lange hatte ich mit mir und dem Wissenschaftssystem gehadert. Es war ein schmerzhafter Prozess für mich (bei dem auch viele Tränen flossen), mir einzugestehen, dass eine wissenschaftliche Karriere nicht mehr zu meinen veränderten Prioritäten passte. Da es für Geisteswissenschaftler*innen ja auch nicht so einfach ist, ein Berufsfeld zu definieren, brachte das Eingeständnis auch eine berufliche Unsicherheit mit sich. Ich fing an zu recherchieren, welche Rollen Linguist*innen nach der Wissenschaft angenommen hatten und stieß auf den wunderbaren Blog superlinguo, in dem Linguist*innen in Interviews erzählten, welche Jobs sie nun hatten. Durch diese Sichtbarmachung von Karrierealternativen wurde mir die Unsicherheit zu einem gewissen Teil genommen. Dies war auch meine Motivation, Menschen sichtbar zu machen, die die Wissenschaft verlassen hatten. In meinem Podcast Leaving Academia interviewe ich nun Leute, die von ihrem Ausstieg erzählen.

Schritt III: Was passt nicht mehr?

Nachdem ich akzeptiert hatte, dass eine Veränderung notwendig ist, war es mir wichtig, herauszufinden, was genau nicht mehr passt, um diese Aspekte in meiner weiteren beruflichen Laufbahn für mich auszuschließen. Bei mir war es ein Strauß an Dingen: die Befristung von Stellen, die Aussicht, mehrere Jahre als Vertretungsprofessorin durch die Lande zu tingeln, die Frage, ob es überhaupt möglich ist, eine Professur zu ergattern, die fehlende Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben, die fehlende Wertschätzung und die Aussicht, auf einer Professur Wissenschaft eher zu verwalten als zu forschen.

Schritt IV: Was möchte ich?

Aus den Dingen, die ich nicht mehr wollte, konnte ich z.T. ableiten, was ich wollte. So war es mir wichtig, mir in meiner zukünftigen Position Pausen nehmen zu können. Ich wollte weiterhin flexibel, mit Menschen und international arbeiten können. Mir war aber auch wichtig, z.B. nicht in der Autobranche oder für einen Waffenkonzern zu arbeiten. Auch wollte ich in Ostwestfalen bleiben, einer Region, in der ich seit 2017 lebte. Zusätzlich war mir wichtig, dass das Gehalt meinen Fähigkeiten entsprach und ich nicht weniger verdienen würde als in meiner Position als wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Schritt V: Handle selbstbestimmt

Zu diesem Zeitpunkt begann ich, meine Kenntnisse und Fähigkeiten aufzulisten. Ein Tweet von @unlazy_susan, die eine Graphik mit Aufgaben von neuseeländischen Wissenschaftler*innen gepostet hatte, war für mich der Ausgangspunkt. Dort wurde mir zum ersten Mal die Vielfältigkeit der Aufgaben in den Bereichen Forschung, Lehre und Selbstverwaltung vor Augen geführt, die ich tagtäglich durchführte. Noch heute fallen mir immer wieder Dinge ein, die ich als Wissenschaftlerin „nebenbei“ gemacht habe (wie z.B. Lizenzarbeit für die Publikationen) und die ich in Stellenausschreibungen wiederfinde. Zu wissen, dass ich so viele Fähigkeiten habe, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht werden, gab und gibt mir ein Selbstbewusstsein, dass für mich als Wissenschaftlerin, die nur über den wissenschaftlichen Output definiert wurde, nicht aufkam.

Schritt VI: Kill your darlings

Berufliche Veränderungen, insbesondere in der Wissenschaft ist oft mit Schmerz verbunden. Das Loslassen der beruflichen (und häufig darüberhinausgehenden) Identität, Gewohnheiten und von Karrierezielen, die nicht mehr zur eigenen Vision passen, sind ein kritischer Schritt. Für mich bedeutete es, Forschungsprojekte abzubrechen, Datensätze an Kolleg*innen zu übergeben und halbfertige Artikel zu archivieren. Auch die Arbeit an meiner Habilschrift habe ich an dem Tag abgebrochen, an dem ich beschloss, aus der Wissenschaft auszusteigen. Da für mich diese Entscheidung endgültig war, sah und sehe ich für mich keinen Mehrwert mehr darin, mich mit Wissenschaft in meiner Freizeit zu beschäftigen. Ich wollte die Wissenschaft ja aufgeben, um mehr Freizeit zu haben, nicht um in meiner Freizeit wissenschaftlich zu arbeiten. Durch die Vorarbeit in Schritten I-V fiel es mir dann auch nicht ganz so schwer, diesen Schritt zu gehen.

Schritt VII: Ziele definieren

Ich habe während meiner Neuorientierung an einem Coachingprogramm teilgenommen, in dem Meilensteine definiert wurden, so dass ich meinen Fortschritt nachhalten konnte. Den Fortschritt bei der Neuorientierung aufzuschreiben war ein sinnvolles Hilfsmittel. Eine klare Zielsetzung gab mir eine Richtung und einen Fokus, der mich motivierte und half, auf Kurs zu bleiben.

Schritt VIII: Schritt-für-Schritt Planung

Neben der Zielsetzung hatte ich auch einen Schritt-für-Schritt Plan, an dem ich mich für die Berufsneuorientierung entlang hangeln konnte, um Zwischenziele zu erreichen. Die ersten Schritte sind dem Plan hier ähnlich. Es ging zunächst darum, die eigenen Werte, Prioritäten und Fähigkeiten zu definieren, Blockaden zu identifizieren und loszulassen, bevor man in die Jobsuche einsteigt. Noch immer sehe ich die Reflexionsarbeit der eigenen beruflichen und privaten Persona als wichtigsten Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen beruflichen Neuorientierung. Und diese Schritte brauchen Zeit. Die hier beschriebenen Phasen dauerten insgesamt ca. 8 Wochen bei mir. Dies ist aber nur ein Orientierungswert. Einige Wissenschaftler*innen haben eine sehr kurze Reflexionsphase, weil sie bereits sehr reflektiert leben. Bei anderen können z.B. Blockaden den Prozess verzögern. 

Schritt IX: Make it happen!

In diesem Schritt fasse ich Aktivitäten zusammen, die mit der aktiven Suche nach einer Position zu tun haben, denn mir geht es in diesem Text tatsächlich mehr um die ersten Schritte der Reflexion. Nachdem ich mich theoretisch mit der Jobsuche beschäftigt hatte, fing ich an, Informationsinterviews mit Menschen zu führen, die in einem Bereich tätig waren, der mich interessierte. Durch diese Interviews bekam ich mehr Einblicke in unterschiedliche Jobs und konnte Positionen für mich ausschließen, die zunächst interessant gewirkt hatten, nach dem Informationsinterview für mich aber nicht mehr in Frage kamen. Als weiteren Schritt setzte ich ein LinkedIn Profil auf, um Sichtbarkeit zu schaffen. Neben dem Coaching waren weitere Ressourcen für mich Podcasts zum Entwickeln des LinkedIn Profils, des Lebenslaufs und des Anschreibens, sowie Blogs zum Wissenschaftsausstieg. Sie halfen mir, weitere Informationen zu generieren. Mit all dem Wissen begann ich, Bewerbungen zu schreiben.

Schritt X: Hang in there!

Natürlich bekam ich einige Absagen. Und ich würde lügen, wenn ich nicht von einzelnen Absagen auch geknickt war. Wichtig ist, dranzubleiben und die Bewerbungsstrategien anzupassen. Mir half es, täglich kurz die Ergebnisse in einem Journal festzuhalten. Für mich kristallisierte sich heraus, dass ich im Wissenschaftsmanagement viel zu bieten habe. Im März 2023 bekam ich die Zusage für eine Stelle im International Office der Hochschule Bielefeld und arbeite seit Mai 2023 als Referentin für strategische Netzwerke. Ich mag meine Arbeit sehr, denn sie ist abwechslungsreich, ich arbeite mit unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Fächern und mehreren Ländern zusammen. Ich wohne weiterhin in Ostwestfalen und bekomme ein Gehalt, mit dem ich zufrieden bin. Als größten Benefit sehe ich meine Freizeit und die Urlaubstage, die ich nun ohne Gedanken an die Arbeit verbringen kann.

Zur gleichen Zeit begann ich meine Selbständigkeit als Beraterin für Ausstiege aus der Wissenschaft vorzubereiten. Ich hatte selber an einem Coachingprogramm teilgenommen, dies war aber nicht auf den deutschen Markt zugeschnitten, so dass ich eine Marktlücke für mich entdeckte. Inzwischen habe ich meine Stundenanzahl an der Hochschule reduziert, um mich mehr um diese Aufgabe zu kümmern. Die Arbeit macht mir sehr viel Freude und ist sehr sinnstiftend für mich, denn ich merke, dass meine Klient*innen sehr dankbar für meine Hilfe sind. Ich merke aber auch, dass ich nicht die Person für eine komplette Selbständigkeit bin, da sie mit finanzieller Unsicherheit verbunden ist und werde somit beide Tätigkeiten parallel fortführen.

Über mich

Sandra Jansen hat 2012 in englischer Linguistik promoviert und danach zehn Jahre als Soziolinguistin an Universitäten im In- und Ausland gearbeitet. Im November 2022 entschloss sie sich, der Wissenschaft den Rücken zu kehren und arbeitet seit Mai 2023 als Referentin für strategische Netzwerke an der Hochschule Bielefeld. Nebenher berät sie Menschen, die sich beruflich neu orientieren und den Weg aus der Wissenschaft wagen wollen.

Meine Kontaktinfos:

Webseite: www.leavingacademia.de

Newsletter: www.leavingacademia.de/newsletter

Podcast: https://leavingacademia.de/podcast/

LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/in/dr-sandra-jansen-69a673243/