How to: Wie du aus deiner Forschung ein Sachbuch machst – und warum es sich lohnt.

von Dr. Silke Ohlmeier

Es ist ein verregneter Frühjahrstag 2023. Ich bin pitschnass geworden, als ich mein Paket von der Post geholt habe. Trotzdem packe ich es aus, ohne vorher die Jacke auszuziehen. Im Paket ist ein neues Buch. Es ist knallpink, und ich mag es direkt. Fünf Minuten später stehe ich vor meinem Bücherregal. Eine Weile drehe ich das Buch hin und her. Schließlich stelle ich es in die orange-rot-pinken Ecke – und lächele. Sieht aus, wie die anderen Bücher im Regal, ist aber nicht wie die anderen. Das Buch ist mein eigenes Sachbuch. Es heißt „Langeweile ist politisch“ und ist eine populärwissenschaftliche Variante meiner soziologischen Dissertation. Mein früheres Ich wäre bei dem Anblick ziemlich überrascht. Autorin sein, das stand für mich lange in einer Reihe mit Berufen wie Profi-Sportler*in, Schauspieler*in oder Feuerwehrmann. Keine Ahnung, ob diese Berufe wirklich von echten Menschen ausgeübt werden oder ob das nur Kinderträume sind.

Wie die anderen Berufe wahrscheinlich auch, ist (Sachbuch-)Autor*in zu sein aber ein echter Beruf oder zumindest, wie bei mir, ein interessantes Standbein einer schreibenden Selbstständigkeit. Für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen ist das sogar eine ziemlich naheliegende Möglichkeit.

Warum Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen gute Sachbücher schreiben

Geistes- und sozialwissenschaftliche Themen sind für ein breites Publikum interessant und relevant, weil sie oft neue oder ungewöhnliche Perspektiven auf alltägliche Phänomene entwickeln. Das ist einzigartig: Eine gut ausgearbeitete originelle und eigenständige Perspektive findet sich selten bei anderen Textprofis, denn das braucht viel Zeit. Gerade das ist aber für viele Menschen besonders spannend. Gespräche über mein Dissertationsthema beginnen oft mit einem ungläubigen „Wie? Dazu kann man forschen?“ Wenn Menschen dann mehr darüber erfahren heißt es: „Wow – so habe ich das Thema noch nie betrachtet. Ich hätte nicht gedacht, dass Langeweile so komplex ist“. Genau so ein Satz irgendwo zwischen zwei Drinks auf einer Party hat mich auf die Idee gebracht, ein Sachbuch zu schreiben. Ich liebe Sachbücher. Und ich habe ein alltagsrelevantes Dissertationsthema, das viele Menschen unterschätzen. Ich fand es naheliegend beides zusammenbringen und einen Platz für all die Gedanken zu finden, die nicht ins Format der kumulativen Dissertation gepasst haben.

Wie trotz anderer Aufgaben aus einer Idee ein Buch wird

Lange arbeitete die Idee, ein Sachbuch zu schreiben, eher im Hintergrund. Im letzten Drittel der Promotion, zwei Wochen vor der Geburt meines Sohnes, kam der Tatendrang. Durch den Mutterschutz hatte ich Zeit dafür und nutze sie. Blindlinks drauf los, habe ich einfach die Einleitung runtergeschrieben. Dann kam mein Sohn. Nicht die beste Zeit, ein Buchprojekt zu starten. Zwischen schlaflosen Nächten und Care-Arbeit gab es immer wieder kleine Zeitfenster. Ich habe mich über Monate hinweg in Mini-Schritten durchgewurschtelt bis das Exposé passabel war – und es dann an eine Handvoll Literaturagenturen geschickt. Innerhalb von einem Tag die Zusage von einer. Dann sechsmal „nein“ von potenziellen Verlagen. Schließlich ein „Ja“ und eine Deadline für die Manuskriptabgabe: Fünf Monate später. „Das Wissen ist schon da, du brauchst nur noch eine neue Form“, hat meine Agentin immer wieder gesagt – und recht behalten. Mit dem Vertrag im Rücken und einer festen Deadline vor mir war ich motiviert, regelmäßig zu schreiben. Das ließ sich gut mit meiner 80% Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin vereinen. Ich habe maximal ein bis zwei Stunden pro Tag geschrieben, nie am Wochenende. Mein Learning: Ein Sachbuch braucht nicht viel Zeit am Stück, sondern regelmäßige kleine Schritte über einen längeren Zeitraum.

Für Wissenschaftsaussteiger*innen besonders interessant

Ich bin überzeugt: Aus Wissenschaft ein Sachbuch zu machen ist naheliegend und machbar. Ganz so einfach, ist das Sachbuchschreiben für Wissenschaftler*innen trotzdem nicht. Um als Wissenschaftler*in erfolgreich zu sein, braucht es vor allem wissenschaftliche Publikationen und Anerkennung aus der wissenschaftlichen Community. Auf dem schnellsten Weg zur Professur hat das Schreiben eines Sachbuches in der Regel wenig Priorität. Wissenschaftsausteiger*innen sind freier. Angst vor Reputationsverlust und fehlende Wertschätzung für allgemein verständliches Schreiben? Alles nicht mehr so wichtig. Gleichzeitig profitieren Wissenschaftsaussteiger*innen nicht mehr so stark von ihren wissenschaftlichen Publikationen. Die wichtigste Währung der Wissenschaft verliert außerhalb der Wissenschaft schnell ihren Wert. Liest Niemand. Ein Sachbuch zu schreiben und mein Wissen einem breiten Publikum zugänglich zu machen, fühlte sich für mich daher nach einem sinnvollen Abschluss meiner Promotionszeit an.

Hands on: Wie wirst du Sachbuchautor*in?

Das Schreiben von Sachbüchern hat im Gegensatz zu anderen Genres einen großen Vorteil: Du musst kein ganzes Buch schreiben, bevor du es einem Verlag anbietest. Um einen Verlag zu finden, brauchst du erst einmal nur ein 1-2-seitiges Exposé und eine Leseprobe von 20-30 Seiten. Folgende Punkte gehören ins Exposé:

  • Arbeitstitel, Thema & Genre
  • Kurzzusammenfassung des Projekts
  • Vita + relevante Veröffentlichungen
  • Konkurrenzanalyse
  • (kommentierte) Gliederung

Außerdem wollen Verlage wissen, wie viele Seiten das Buch haben wird und bis wann du es fertig stellen kannst. In der Leseprobe zeigst du deinen Schreibstil am Beispiel von einem oder zwei Probekapiteln. Das bietest du dann (ggf. über eine Literaturagentur) einem Verlag an. Wenn ein Verlag Interesse an deinem Buch hat, verhandelt ihr das Honorar und den Abgabetermin. That’s it. Wenn’s klappt, bist du veröffentlichte*r Autor*in, wenn nicht, weißt du, dass es nicht klappt, anstatt nur vom eigenen Buch zu träumen.

Lohnt sich das finanziell?

Beim Honorar ist theoretisch alles möglich. Durchschnittlich verdienen Sachbuchautor*innen ca. 12% vom Nettoladenpreis. Wenn sie viele Bücher verkaufen, verdienen sie viel. Wenn nicht, dann nicht. In der Regel bekommen Sachbuchautoren bei Vetragsabschluss aber einen Vorschuss. Den Vorschuss kann man behalten, egal wie viele Bücher verkauft werden. Erst wenn der Vorschuss eingespielt wurde, verdienen Autor*innen darüber hinaus an jedem weiteren Buch. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben für ihr erstes Buch zwischen 1.000 und 15.000 Euro Vorschuss bekommen. Manche Autor*innen verdienen viel mehr, andere nichts. Dazu kommen Einnahmen für Lesungen und Workshops. Ich verdiene außerdem Geld mit Sachbuchkursen und Schreibworkshops. Außerdem mache ich gerade erste Gehversuche Richtung Wissenschaftsjournalismus. Das Buch war ein Türöffner dahin. In der Regel funktioniert das Autor*innen Dasein gut in der Kombination mit anderen Tätigkeiten. Manchmal auch ganz für sich allein.

Und warum es sich noch lohnt

Weil Wissenschaft nicht für den Elfenbeinturm ist.

Weil nur wenige Menschen aktiv von Verlagen angefragt werden.

Weil Sachbücher öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema erzeugen.

Weil das Buchschreiben viel freier ist als wissenschaftliches Schreiben.

Weil Sachbücher eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis sein können.

Weil wissenschaftliche Perspektiven erhellend sind.

Weil Sachbücher Leben verändern können.

Weil Sachbuch-Autor*innen als Expert*innen wahrgenommen werden.

Weil es besser ist, damit zu scheitern, als es gar nicht zu versuchen.

Die Autorin

Dr. Silke Ohlmeier ist Soziologin, Sachbuchautorin und Schreibtrainerin. Mit dieser Expertise unterstützt sie Wissenschaftler*innen dabei, aus ihrer Forschung ein Verlagsexposé zu machen – und es abzuschicken.

Webseite: popscibooks.de

E-Mail: silke.ohlmeier@posteo.de

oder auf folgenden Plattformen: