von Sebastian Kubon

Mein Werdegang
Studiert habe ich Geschichte, Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaft und lateinische Philologie auf Lehramt in Hamburg, Perugia und Kiel. Direkt im Anschluss wartete eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter auf mich und so bin ich nicht Lehrer geworden, sondern habe viele Jahre lang in einem DFG-Projekt an der Universität Hamburg gearbeitet und wurde in mittelalterlicher Geschichte promoviert. Danach habe ich auf verschiedenen Postdoc-Stellen die Bereiche Public History und Mittelalter miteinander verbunden.
Weil es spätestens mit Ende 30 nach zahllosen Kurzzeitverträgen und mit Familie keine Freude mehr machte, gesellschaftlich relevante Arbeit in prekären Anstellungsverhältnissen zu verrichten, habe ich zusammen mit Amrei Bahr und Kristin Eichhorn #IchBinHanna und #95vsWissZeitVG initiiert, um auf die Missstände im Wissenschaftssystem hinzuweisen. Obwohl angemessene Arbeitsbedingungen gerade bei staatlichen Stellen eigentlich selbstverständlich sein sollten, ist das nur selten der Fall. Schlechte Arbeitsbedingungen und Angst führen aber schlicht nicht zu Kreativität und Bestleistungen und auch nicht zur Bestenauslese, wie das höhere Wissenschaftsmanagement auch zuweilen jetzt noch der Öffentlichkeit weismachen will, sondern nur zur Verbliebenenauslese. Prekäre Beschäftigung schadet nicht nur den Wissenschaftler*innen, sondern auch der Wissenschaft an sich. Von Existenzangst geplagte Menschen dürfte kaum disruptive Forschung durchgeführt werden.
Aufgrund dieses Engagements wechselte ich bald danach in den politikunterstützenden Bereich als Leiter eines Abgeordnetenbüros und Referent für Wissenschaftspolitik im bayerischen Landtag. Kurz nach meinem Jobantritt habe ich dazu für die ZEIT ein paar erste Eindrücke formuliert. Das war mein erster unbefristeter Arbeitsvertrag, eine Erleichterung, aber vor allem auch eine neue berufliche Herausforderung. Neben der Organisation von Stakeholder-Treffen, Veranstaltungen, Kampagnen etc. und dem Teammanagement bearbeite ich hier vor allem Themen der bayerischen Wissenschaftspolitik, indem ich die Ausschusssitzungen mit vorbereite, aber auch Parlamentarische Anfragen und Anträge formuliere. Das alles geht inhaltlich also deutlich über die Frage nach prekärer Arbeit hinaus, obwohl Lösungen dafür zu finden ein wesentlicher Aspekt meiner dortigen Tätigkeit ist. Andere zentrale Themen, in die ich mich eingearbeitet habe, sind u.a. der Hochschulbau vor dem Hintergrund des massiven Sanierungsstaus, Klimaneutralität der Wissenschaft, Nachhaltigkeit in Hochschulen und Forschung sowie KI in der Wissenschaft.
Welche Skills waren für die Politik interessant?
Eingestellt worden bin ich sicherlich vor allem wegen meines Engagements gegen prekäre Arbeit in der Wissenschaft, meines Netzwerks und der Fähigkeit, die Sozialen Medien in Kampagnen bespielen zu können. Mein Doktortitel in Geschichte hat sicherlich nur mittelbar dazu beigetragen. Allerdings zählt der Titel gerade in der Wissenschaftspolitik und den verschiedenen Ämtern doch noch etwas und steigert die Reputation.
Was musste ich mir im neuen Berufsfeld noch aneignen?
Definitiv Schnelligkeit, Schnelligkeit und noch einmal Schnelligkeit sowie Prägnanz und das Arbeiten unter hohem Druck und mit harter Prioritätensetzung. In der Politik sind Tempo und Aktualität zentral. Dabei muss man außerdem sehr genau arbeiten, da Fehler einem tagesaktuell um die Ohren gehauen werden und nicht erst (wie in der Wissenschaft) in einer Rezension Jahre später. Zudem spielen andere Textsorten eine wesentliche Rolle. Statt Monographie und Aufsatz sind hier sämtliche Soziale Medien, aber auch klassische Textsorten wie die Pressemitteilung zu bedienen und selbst unter Zeitdruck muss man diese präzise und schnell herausbringen können. Hinzukommt, dass man selten ununterbrochen an Texten arbeiten kann, weil kurzfristige Absprachen, Terminorganisation oder Terminmanagement dazwischengeschoben werden müssen.
Teilzeitarbeit, Familie und Forschung
Es ist übrigens kein Problem, diesen Job auch im (ggf. vollzeitnahen) Teilzeit-Modell zu betreiben. Dadurch ist das Ganze sehr familienfreundlich. Überstunden werden selbstverständlich ausgezahlt oder mit Freizeit abgegolten. Urlaubstage verfallen nicht. Bei Abwesenheiten greift ein Vertretungssystem mit den Kolleg*innen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber für Menschen, die nur das Wissenschaftssystem kennen, vielleicht doch ein wichtiger Hinweis, das wesentliche Arbeitnehmer*innenrechte hier beachtet werden.
Ich komme daher neben der Erwerbs- und der Familienarbeit auch noch zur Lehre als Lehrbeauftragter (zumeist an der LMU München und an der Uni Regensburg) und zur Forschung in meinen Forschungsschwerpunkten zur Public History. Dies gelingt nun sogar teils besser als vorher in meiner reinen Uni-Tätigkeit. Es forscht sich schließlich konzentrierter, wenn der Druck weg ist, Anschlussverträge finden zu müssen mit dem zusätzlichen Damoklesschwert des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes über dem Kopf. Die wissenschaftlichen Aktivitäten sind übrigens für die Glaubwürdigkeit als Referent für Wissenschaftspolitik hilfreich, da sie zeigen, dass man die gegenwärtige Situation an den Hochschulen nicht nur vom Hörensagen kennt.
Dank des eigenen hochschulpolitischen Engagements durch #IchBinHanna werde ich zudem häufiger als Speaker oder Workshop-Anbieter gebucht. Dabei spreche ich zu Themen wie prekäre Arbeitsbedingungen in Wissenschaft und Wissenschaftsmanagement und dem dazugehörigen Changemanagement bei der Schaffung neuer Karrierewege. Das ist übrigens beim Hauptjob ein gern gesehenes Engagement.
Das Ziel: Vermittlung zwischen Wissenschaft und Politik
Ein wichtiges Anliegen meiner Arbeit in den verschiedenen Bereichen ist es, zwischen Wissenschaft und Politik zu vermitteln: Es ist klar, dass die Wissenschaft grundsätzlich auf die Politik in ihrer Ausstattung angewiesen ist. Allerdings fehlt in Wissenschaftseinrichtungen erfahrungsgemäß die Kenntnis darüber, wo Politik- und Wissenschaftssystem aneinander anschlussfähig sind. Es fehlen so vielerorts Stabsstellen, die direkt an der Hochschulleitung angesiedelt sind und Kontakte in die Landtage, Regierungen, Ministerien und Parteien herstellen könnten, um dort die eigenen Bedürfnisse anzumelden. Hier liegen Potentiale, die aktuell ungenutzt gelassen werden – was hinsichtlich der Konkurrenz in der Mittelverteilung mit anderen gesellschaftlichen Bereichen absolut fahrlässig ist. Auf einen Finanzsegen zu hoffen ist illusorisch: Es ist notwendig, dass Wissenschaftsmanager*innen den gezielten Kontakt zu den Entscheidungsträger*innen in der Politik herstellen und halten. Eine professionalisierte Zusammenarbeit von Seiten der Forschungseinrichtungen mit der Politik wäre daher sicherlich für alle wünschenswert, weil sie zudem viele Prozesse vereinfacht.
Fazit: Arbeit in der Wissenschaft und Arbeit in der Politik
Man kann es gegenüber Menschen, die nur das Wissenschaftssystem kennen, nicht oft genug betonen: Arbeit außerhalb der Wissenschaft ist nicht zwangsläufig ‚entfremdete‘ Arbeit, wie einem in den Hochschulen oft genug versucht wird einzureden, sondern ist durchaus auch sinnstiftend. Das gilt nicht zuletzt für Arbeit im politikunterstützenden Bereich – vor allem dann, wenn man wichtige Anliegen hat, an deren Umsetzung man mitarbeiten will. Hier nützt es einmal im Tagesgeschäft, Allrounder zu sein; zugegebenermaßen wird man in der Regel nicht dafür eingestellt, sondern eher aufgrund von Spezialkenntnissen, die gebraucht werden. Bei mir war es der Bereich prekäre Arbeit und die Wissenschaftspolitik, der mich für die Stelle qualifiziert hat. Bisweilen denke ich, ich hätte erst in der Politik und dann in der Wissenschaft arbeiten sollen: Die dadurch eingeübte Schnelligkeit und Prägnanz sowie die Arbeit mit anderen Mediensorten helfen mir nun sehr bei meiner wissenschaftlichen Arbeit.
Dr. Sebastian Kubon: Studium der Geschichte, Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaft und Lateinischen Philologie in Hamburg, Perugia und Kiel (Abschluss 1. Staatsexamen, Lehramt Oberstufe). Promotion in Mittelalterlicher Geschichte, danach mehrere Post-Doc-Stellen (Verbindung Mittelalter und Public History). Mitinitiator von #IchBinHanna und #95vsWissZeitVG. Seit 2022 Büroleiter und Referent für Wissenschaftspolitik im Bay. Landtag (B90/Grüne). Daneben Lehrbeauftragter und zeitweise Elternzeitvertreter für den Bereich Mittelalterliche Geschichte an verschiedenen bayerischen Universitäten (LMU München, Regensburg, Passau).