
Hallo Zusammen, darf ich mich vorstellen? Ich bin Juliane, Doktorandin in der Germanistischen Mediävistik mit zwei Jahren Berufserfahrung an zwei Universitäten und seit einem halben Jahr arbeitslos. Ich könnte diese Phase auch umschreiben, sozusagen sprachlich verschönern, indem ich schreibe, dass ich „auf Jobsuche“ bin, oder indem ich diesen Teil meines Alltags schlicht auslasse und stattdessen schreibe, dass ich promoviere. Das würde alles stimmen, und dennoch entscheide ich mich bewusst dazu, die Arbeitslosigkeit konkret zu benennen. Allein der Begriff ‚arbeitslos‘ kommt vielen – inklusive mir – oft schwer über die Lippen und in Vorstellungsrunden definieren wir uns selbst in der Regel über unseren Status, etwa ‚Schüler*in‘, ‚Student*in‘ oder ‚Doktorand*in‘ – Hauptsache, wir „tun etwas“. Diese Wahrung von Produktivität und Leistung hat insbesondere im Wissenschaftssystem oberste Priorität, was dazu führt, dass über Arbeitslosigkeit nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Obgleich die offizielle Arbeitslosenquote unter Akademiker*innen seit Jahrzehnten unter drei Prozent liegt, tritt sie im Wissenschaftssystem doch gehäuft auf. Prekäre Arbeitsbedingungen, befristete Kettenverträge, überlastete Verwaltungen und zähe Bewerbungsverfahren – all das sind Faktoren, die Phasen der Arbeitslosigkeit bedingen können. Von mangelnder Kompetenz kann man bei Personen mit den höchsten Bildungsabschlüssen jedenfalls nicht sprechen. Trotzdem wird denjenigen, die arbeitslos werden oder sind, häufig der Stempel des Scheiterns aufgedrückt. „Er*Sie hat es eben nicht genug gewollt.“ Dieses toxische Narrativ wird zum Glück dank der #IchBinHanna-Bewegung langsam aufgebrochen, was schrittweise zu mehr Selbstbestimmtheit, unbesetzten Stellen und einem Braindrain in außerakademische Berufsfelder führt. Kurz- und mittelfristig bedeutet das jetzt schon, dass Fachgruppen und Institute an den Rand der Arbeitsfähigkeit getrieben und die viele Arbeit auf weniger Schultern verteilt wird. Langfristig ist jedoch zu hoffen, dass sich der Druck nicht nur auf die Hochschulen und Forschungseinrichtungen, sondern insbesondere auf die politischen Akteur*innen so erhöht, dass echte Veränderungen umgesetzt werden (müssen).
Arbeitslosigkeit: Die Niete im Glücksspiel Wissenschaft
Seit dem 1. Oktober 2023 bin ich, aufgrund eines ausgelaufenen Vertrags, offiziell arbeitslos. Zuvor hatte ich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin und habe nebenher Lehraufträge angenommen, bin also zwei Jahre zwischen zwei Universitäten hin- und her gependelt. Bereits im Januar 2023 habe ich begonnen, mich auf Stellen an Unis und Forschungseinrichtungen zu bewerben, doch die meisten Verfahren endeten entweder ganz ohne Rückmeldung, mit Abbruch des Verfahrens oder mit einer Absage. In den zurückliegenden sechs Monaten habe ich mich mit zahlreichen Wissenschaftler*innen ausgetauscht und war selbst erstaunt und gleichzeitig erleichtert, wie viele von ihnen meine Situation nachfühlen konnten. Für mich war, auch dank der Unterstützung aus der #IchBinHanna-Community, sehr schnell klar, dass ich offen und transparent über meine eigene Arbeitslosigkeit sprechen möchte. Zunächst war ich unsicher, ob diese Offenheit meiner akademischen Laufbahn schaden könnte, weil das Sprechen über Arbeitslosigkeit immer auch Systemkritik beinhaltet und ich Sorge hatte, als „gescheiterte Wissenschaftlerin“ wahrgenommen zu werden. Doch Gespräche mit Kolleg*innen und das Lesen von Erfahrungsberichten anderer Wissenschaftler*innen auf Social Media haben mir den nötigen Schubs gegeben, laut zu werden. Ich bin weder gescheitert noch stelle ich meine Kompetenzen in Frage. Stattdessen bin ich Teil eines Systems, das darauf ausgelegt ist, Menschen in regelmäßigen Abständen zu ersetzen und sie damit dazu zu zwingen, ihr über Jahre und Jahrzehnte erworbenes Wissen, das eigentlich dringend in Forschung und Lehre gebraucht würde, außerhalb der Hochschulen und Forschungseinrichtungen gewinnbringend einzusetzen. Meiner Ansicht nach haben insbesondere Promovierende und Promotionsinteressierte ein Recht darauf, vor Eintritt in die akademische Laufbahn zu erfahren, wie es „hinter den Kulissen“ wirklich läuft, um eine bewusste Entscheidung für oder gegen diesen Weg treffen zu können. Arbeitslosigkeit gehört zur Wahrheit dazu, genauso wie die Information, was eine Betreuungsvereinbarung ist oder wie man ein Dissertationsexposé schreibt.
Mental health matters – die psychischen Belastungen der Arbeitslosigkeit
Mit dem Ende meiner Vollzeit-Arbeitswoche ist auch meine Routine weggefallen, die es mir ermöglicht hat, neben der Vorbereitung meiner Lehre, dem Unterrichten und dem Betreuen der Studierenden auch Zeit in meine Dissertation zu investieren. Ich bin grundsätzlich ein sehr disziplinierter Mensch, funktioniere aber am besten in einem stabilen Umfeld. Mit dem Ende dieser Stabilität war es auch vorbei mit meiner Disziplin. Das regelmäßige Schreiben von Bewerbungen hat all meine Ressourcen benötigt und die Dissertation war fortan ganz hinten auf der Prioritätenliste. Das hat zu einer großen Portion Frust geführt, ich war wütend auf mich selbst, weil ich nicht vorankomme, und hatte ein schlechtes Gewissen, wenn mein Betreuer wochenlang nichts mehr von mir gehört hatte. Doch wann immer ich mir einen Tag für das Promovieren freinehmen wollte, bin ich in starke Prokrastination verfallen und habe am Ende doch etwas anderes gemacht. Es hat sich angefühlt wie ein riesiger innerer Widerstand, den ich anfangs nicht verstanden habe und der zu noch mehr Frust und schlechtem Gewissen geführt hat. Schlussendlich musste ich mir eingestehen, dass die Arbeitslosigkeit doch mental belastender für mich ist, als ich es zunächst gedacht hatte. Zwar habe ich zum Glück nicht an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt, aber die zahlreichen Absagen, die Verfahren ohne Rückmeldungen und das Gefühlschaos vor jedem neuen Vorstellungsgespräch haben ihre Spuren hinterlassen. Produktives Arbeiten an der Dissertation ist das letzte halbe Jahr kaum möglich gewesen und mittlerweile kann ich zu mir sagen: das ist völlig okay. Das Leben wird jeder Promotion dazwischenkommen, keine Promotion verläuft strikt linear – meine auch nicht.
„Ich bin mehr als mein Job“ – positive Seiten der Arbeitslosigkeit
Das Wissenschaftssystem ist sehr gut darin, den Beschäftigten anzutrainieren, sich stets zu hinterfragen und ihre Erfolge nicht an die große Glocke zu hängen. Auch meine innere Kritikerin ist in den zwei Jahren Tätigkeit als Lehrende und Forschende immer lauter geworden. Die durch die Arbeitslosigkeit erzwungene Distanz hat bei mir zu einem neuen Blick auf Wissenschaft und auch auf mich als Person geführt. Ich habe neue Projekte ausprobiert, meinen Podcast „Sachgrundaktivismus“ rund um das Promovieren und das deutsche Wissenschaftssystem gestartet, Blogartikel geschrieben und in kurzer Zeit so viele neue Menschen kennengelernt wie noch nie. Ich bin selbstbewusster geworden und habe meine Stimme genutzt, um mich für die Belange von Promovierenden einzusetzen. Dadurch haben sich für mich neue Perspektiven ergeben, die ich ohne die Arbeitslosigkeit nicht in Erwägung gezogen hätte. Als Literaturwissenschaftlerin besitze ich Kompetenzen, die auch abseits einer klassischen Forschungs- bzw. Lehrstelle gebraucht werden. Zudem kann ich auch Wissenschaftlerin sein, wenn ich nicht an einer Universität arbeite. In der Liste meiner Bewerbungen finden sich immer mehr Stellen abseits der Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die mir dennoch allen Raum bieten würden, meine Berufserfahrung als Dozentin und Forschende einzusetzen, mich kreativ auszuprobieren und immer weiter zu lernen. Trotz einer riesigen Ladung Frust, Enttäuschung und Wut kann ich die positiven Seiten dieser Zeit anerkennen und optimistisch in die Zukunft blicken. Eines steht fest: Wissenschaft gehört nicht den Unis – Wissenschaft gehört uns allen. Und sie unterliegt, anders als unsere Arbeitsverträge, nicht dem WissZeitVG.