Freiberufliches Lektorat mit wissenschaftlicher Arbeit kombiniert 

Portrait von Matthias Warkus

Ich heiße Matthias Warkus und arbeite als freier Publizist und Textdienstleister. Studiert habe ich Philosophie, noch auf Magister mit den Nebenfächern Soziologie und Französisch, anschließend habe ich mit einem Promotionsstipendium promoviert. Als Postdoc hatte ich dann meine ersten Anstellungen an Universitäten und zwar ausschließlich im Rahmen von Elternzeitvertretungen. 2014/15 war ich in Marburg beschäftigt, nach einem Semester Unterbrechung noch zwei Jahre in Jena. 

Ich habe es geschafft, in meinem Arbeitsleben freiberufliche und wissenschaftliche Tätigkeiten zu vereinen. Die Freiberuflichkeit erlaubt es mir, einen stabilen Lebensunterhalt zu bestreiten und gleichzeitig weiter zu forschen und zu lehren. Dabei übe ich eine große Bandbreite an Tätigkeiten für verschiedenste Auftraggebende aus, unter anderem:  

  • Ich bin verantwortlicher Redakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie und dort quasi für alles zuständig, außer für die Auswahl der Inhalte und den Satz.  
  • Ich arbeite als Lektor, in gewissem Umfang auch als Korrektor und Setzer, in den Bereichen Wissenschaft, Sachbuch und Belletristik, und zwar sowohl für Verlage als auch für private Kundschaft, die z.B. ein Lektorat für eine Doktorarbeit oder eine Abschlussarbeit brauchen. Dabei habe ich regelmäßig Kontakt zu Wissensschaffenden und Universitäten. 
  • Ich habe einen Rahmenvertrag mit einem mittelständischen Unternehmen, das mir ein monatliches Fixum zahlt, damit ich alle anfallenden Dokumente lektoriere.  
  • Ich habe regelmäßig Lehraufträge hier an der Uni Jena und hatte auch schon welche in Weimar und Halle.  
  • Ich schreibe Rezensionen, z.B. für ZEIT ONLINE, und die zweiwöchentliche philosophische Kolumne Warkus‘ Welt bei Spektrum.de.  
  • Ich trete hin und wieder bei Science-Slams auf.  
  • Ich halte Vorträge und gebe Seminare für Bildungsträger, z.B. einen Philosophie-Crashkurs für Laien oder ein Kompaktseminar zu Typographie und Textgestaltung.  
  • Ich habe einen Newsletter über Architektur bei Steady, wo man zahlendes Mitglied werden kann. Außerdem leite ich Seminare über Architekturphilosophie u.a. an der Bauhaus-Universität Weimar.

Diese Vielfalt, die Möglichkeit, in vielen Hinsichten kreativ und ohne große Vorgaben tätig zu sein, sowie die freie Zeiteinteilung machen meine Arbeit sehr befriedigend. Andererseits kommt häufig auch Stress auf und meine Einnahmen hängen von der Auftragslage ab. Mein Blick auf festangestellte Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler mit vergleichbarem Hintergrund, inner- und außerhalb der Hochschule, ist daher zwiegespalten: Zwar beglückwünsche ich mich zu meinem selbstbestimmten Leben und denke oft, dass ich mich nie wieder daran gewöhnen könnte, in einem Büro und unter Vorgesetzten zu arbeiten; allerdings ist ein ordentlicher, jeden Monat gleich hoher Gehaltseingang auch eine schöne Sache. 

Philosophie, Texten, Herausgeben und IT: viele Schnittmengen 

Ich habe das Privileg, dass viele meiner Tätigkeiten eng mit meinem Herkunftsfach zu tun haben – Zeitschrift, Kolumne, Lehrauftrag, Rezensionen und viele Lektoratsarbeiten spielen sich im Bereich Philosophie ab. Zu meiner Promotionszeit habe ich mich thematisch auf Charles S. Peirce, Semiotik und analytische Metaphysik spezialisiert, das spielt heute aber fast keine Rolle mehr, es geht mehr um Allgemeinfachliches. Interessanterweise hilft mir der Blick für Details, Konsistenz, begriffliches Denken und feine Unterschiede, den man in der philosophischen Ausbildung erwirbt, auch bei auf den ersten Blick nicht-philosophischen Tätigkeiten wie dem Lektorieren von Unternehmenspublikationen oder dem Rezensieren von Literatur. 

Umgekehrt hat mein Studium davon profitiert, dass ich mir schon früh in Nebenjobs das feine Auge – um nicht zu sagen, die neurotische Präzision – des Textmenschen aneignen konnte. Mein Berufseinstieg hat sich eigentlich nicht nach meiner akademischen Ausbildung ereignet, sondern schon vorher und begleitend. Ich war gegen Ende meiner Schulzeit, als ich noch Informatiker werden wollte, im Bereich freie Software engagiert, u.a. als Übersetzer. Außerdem hat mich meine Schwester, die damals in der IT-Fachbuchbranche tätig war, als Korrektor an eine Kollegin bei einem anderen Verlag vermittelt. Für Verlage arbeite ich also in der einen oder anderen Art und Weise bereits seit dem Teenageralter. Viele technische Kompetenzen wie DIN-Korrekturzeichen, LaTeX sowie Grundkenntnisse in Typographie und Layout habe ich seit dieser Zeit und konnte sie dank meiner jahrzehntelangen Praxis ausbauen. 

Promotion aus Zufall 

Dass ich promoviert habe, ergab sich zugleich folgerichtig und zufällig: Das Philosophiestudium hatte mir Spaß gemacht und ich war einem interessanten Thema auf der Spur; die Betreuerin meiner Abschlussarbeit – und spätere Doktormutter – ermutigte mich und unterstützte mich nach Kräften. Das ist der folgerichtige Teil. Der Zufallsaspekt bestand darin, dass ich mangels Stellen auf ein Stipendium angewiesen war. Ich bewarb mich auf insgesamt vier davon, und wenn es nicht im letzten Anlauf geklappt hätte, wäre ich heute vermutlich immer noch Mitarbeiter beim Hochschulrechenzentrum der Uni Marburg, wo ich während der Bewerbungsphase fast zwei Jahre eine Teilzeit-Stelle als Entwickler hatte, um mich irgendwie zu finanzieren. Das Rechenzentrum war ein ausgezeichneter Arbeitgeber, und es wäre sicher auch keine schlechte Option gewesen, dort zu bleiben.  

Während meiner Promotionszeit brachte mich meine Doktormutter in die Tätigkeit als Redakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, die ich heute noch ausübe. Meine weiteren Aufträge als Lektor habe ich mir nach und nach über Mundpropaganda aufgebaut, weniger über meine akademischen Kontakte. Wichtig war auch ein Weiterbildungsprogramm für Wissenschaftskommunikation 2014, gegen Ende meiner Marburger Zeit, das mir einige wichtige berufliche Kontakte brachte. 

Existenzielle Sorgen 

Zu Studienzeiten plante ich aufgrund des Befristungsterrors und vieler anderer Unwägbarkeiten nie eine Hochschulkarriere über den Doktor hinaus. Als ich wider Erwarten, zur Überraschung aller Beteiligten, summa cum laude promovierte, kam die Idee auf, ich könnte doch weitermachen, was die Postdoc-Vertretungsstellen erklärt. Mehr als ein kleiner abgelehnter VW-Antrag kam dabei aber nicht heraus und nach längerem Zaudern entschied ich mich aus einer ganzen Reihe von Gründen, darunter die schlechte Vermarktbarkeit meiner Spezialisierung, gegen die Habilitation und für die volle freiberufliche Tätigkeit. Ich muss insgesamt sagen, dass ich sehr gerne promoviert habe und auch gerne Postdoc war. Die Zeit als Wissenschaftler war aber wie üblich auch von Selbstzweifeln, diffusem Druck und Zukunftsangst geprägt, sodass ich die meiste Zeit recht froh bin, sie hinter mir zu haben. 

Mein Beruf ist äußerst vielseitig und insgesamt eine schöne und intellektuell ausfüllende Tätigkeit, auch wenn man sicher anderswo mehr Geld verdient und ich kaum eine Absicherung habe. Ich bin zwar über die Künstlersozialkasse sozialversichert und lege auch privat Geld zurück, gehe aber davon aus, dass ich es mir nicht werde leisten können, in 25 Jahren zum Regelalter in Rente zu gehen. Für mich ist der Beruf trotzdem auch deswegen eine gute Wahl, weil ich schon immer ein allseits sehr neugieriger und universalistischer Mensch war – ich freue mich darüber, so viele ganz unterschiedliche Texte lesen und schreiben zu dürfen und ganz allgemein einen Beruf zu haben, der mich jeden Tag klüger macht. 

Drei Empfehlungen und eine Warnung 

Leider ist es vermutlich nicht gut möglich, eine Laufbahn wie die meine völlig selbstbestimmt einzuschlagen, weil so viele Zufälligkeiten dabei eine Rolle gespielt haben. Ich kann aber allen, die in dieselbe Richtung gehen möchten, drei Empfehlungen und eine Warnung mitgeben:  

1. Empfehlung: viel ausprobieren 

Im Zweifel eher ja als nein zu neuartigen Aufgaben sagen. Mein Leben wäre heute z.B. privat und beruflich deutlich anders, wenn ich mich 2014 nicht hätte breitschlagen lassen, quasi als Lückenbüßer an einem Science-Slam teilzunehmen. 

2. Empfehlung: Kontaktfreude und Netzwerken 

In einer Branche, in der quasi alles über Empfehlungen und persönliche Bekanntschaften läuft, hat es deutliche Vorteile, wenn man gerne mit anderen Menschen redet und ihnen vor allem auch gerne zuhört.  

3. Empfehlung: IT-Kenntnisse 

Ich habe es jahrelang immer wieder als großen beruflichen Vorteil erlebt, für einen Geisteswissenschaftler gute IT-Kenntnisse zu haben – in meinem Fall war das zum Beispiel das Arbeiten mit LaTeX. Sich hier zu qualifizieren, kann nicht schaden. 

Warnung: Perfektionismus schadet dem freiberuflichen Arbeiten 

Nahezu alles, was ich in meinem Beruf tue, geschieht in freier Zeiteinteilung, aber mit recht genauen Lieferterminen. Das bedeutet: Ich muss Produkte und Dienstleistungen vor allem pünktlich liefern. Diese erfüllen ihren Zweck und Qualitätsanspruch, aber Perfektionismus kann ich mir nicht leisten. Bei Aufgaben, die bis ins letzte Detail ausgearbeitet sein sollen, wie beim Lektorieren von Büchern, muss ich entsprechend mit einer hinreichend großzügigen Zeitplanung arbeiten.  

Vor allem an der Hochschule, aber in kleinerem Maße auch in anderen Branchen, begegnet man recht häufig sehr perfektionistischen Menschen, die ihre Texte bis zum letzten Moment und darüber hinaus optimieren und daher Deadlines wieder und wieder verschleppen. Wer dazu tendiert, dem empfehle ich nicht, eine Freiberuflichkeit anzustreben.