Von der Soziologie zur Medienarbeit

Photo von Sam McGhee auf Unsplash.com

Wissenschaftlicher Werdegang

Mit welchen Hoffnungen, akademischen, persönlichen oder gesellschaftlichen Visionen hast Du die Promotion verfolgt?

Am Anfang stand wohl keine Vision, sondern vielmehr ein Bedürfnis. Das Bedürfnis, die Welt zu verstehen. Das mag vielleicht etwas pathetisch klingen, aber wann, wenn nicht an der Uni, gibt es die Chance dazu?

Ich fing beim Individuum an, wechselte dann auf die gesellschaftliche Ebene und endete schließlich in meiner Promotion bei Praktiken. Interessanterweise untersuchte ich Praktiken, die genau diesen Anspruch des „Weltverstehens“ selbst haben.

Ich stürzte mich in die verschiedenen Projekte und beschäftige mich weniger mit der Struktur der Disziplinen oder dem Wissenschaftsfeld. Vielleicht liegt es auch an dieser projektbezogenen Arbeitsweise, dass ich ein wenig auf Distanz zur Wissenschaft blieb und letztlich hier nicht meine Zukunft sah.

Welche professionellen und persönlichen Kompromisse bist Du dabei eingegangen?

Ich habe meine Promotionszeit nicht als Kompromiss empfunden, eher als Aufschub. Wenn ich aber darüber nachdenke, dann gibt es doch gewisse Kompromisse, die mir vor allem auf der Jobsuche nach der Diss deutlich wurden: Zehn Jahre an der Universität prägen einen vielleicht mehr als zunächst gedacht. Und sich über mehrere Jahre vor allem mit Büchern beschäftigt zu haben, heißt zugleich, vieles andere nicht getan zu haben. Und so ist der Anschluss zur „Welt da draußen“ doch größer, als ich mir vielleicht eingestehen wollte – in der Selbst- wie Fremdwahrnehmung.

Der Wendepunkt

Welchen Beruf übst du jetzt aus?

Referent:in für strategische Kommunikation und stellvertretende:r Pressesprecher:in in einer Landtagsfraktion.

Wie hast du den Weg zu diesem Beruf gefunden?

Ich habe nach der Diss über die tolle Jobseite gesinejobtipps.de eine Elternzeitvertretung als Referent:in für Onlinekommunikation bekommen. Glücklicherweise konnte ich danach im Team bleiben und wechselte auf meine jetzige Stelle.

Welche ersten Schritte hast Du unternommen, um den Wechsel von der Uni zu schaffen?

Schon während der Zeit an der Uni habe ich an ein paar Kursen zur Berufsfindung teilgenommen. Letztlich stellte ich mich der Herausforderung aber erst, als sie dann konkret wurde. Wichtig für mich war, den Blick zu weiten und nicht nur von dem her zu denken, was ich die Jahre davor an der Uni gemacht hatte. Und so passte die erste Stelle auch nicht so sehr zu meinem „akademischen Ich“, sondern viel eher zu meinen (früheren) Hobbys wie etwa Videobearbeitung.

Welche Kontakte oder Erfahrungen haben Dir dabei geholfen?

Tatsächlich war es für mich ein Neustart – in einer für mich neuen Welt. Was mir dabei geholfen hat? Die Erfahrung aus meiner Unizeit, sich immer wieder in neue Paradigmen einzuarbeiten. Und so war ich auch hier guten Mutes.

Welche Hindernisse gab es dabei?

Die Übergangsphase, aka die arbeitslose Zeit, war deutlich länger, als ich mir das gedacht hatte. Zig Bewerbungen zu schreiben, viele Absagen zu bekommen und immer wieder mit neuem Elan bei Bewerbungsgesprächen zu erscheinen – das hat mir und meinem Umfeld viel abverlangt.

Im Beruf angekommen:

Wie sieht dein Berufsalltag aus?

Letztens sagte ein Kollege von mir, er verplane nur noch 20% seiner Zeit. Der Rest werde ohnehin von tagesaktuellen Aufgaben gefüllt. Ganz so ist es bei mir vielleicht nicht, aber die Tendenz stimmt – und das ist ein krasser Gegensatz zur Arbeit an der Uni.

Was macht dir am meisten Spaß an deinem Beruf?

Am Puls der Zeit zu sein. Zu sehen, wie es zu politischen Entscheidungen kommt. Sich nicht zu vergraben, sondern an der Öffentlichkeit unmittelbarer teilzuhaben. Die Möglichkeit, Dinge neu und anders machen zu dürfen.

Was macht dir weniger Spaß?

Die Hektik. Der in Teilen herrschende Alarmismus.

Welche Fähigkeiten, die du im Studium oder in der Promotion erworben hast, helfen dir dabei, deinen Beruf auszuüben?

Das Schreiben. In komplexen Zusammenhängen, Struktur zu etablieren. Die Zuversicht, vieles doch letztlich irgendwie zu schaffen (auch die Diss hielt ich irgendwann in den Händen!).  

Welche Fähigkeiten musstest du dir anders aneignen und wo/wie hast du sie gelernt?

Das praktische Wissen, wie Politik funktioniert. Mich nicht vom beklemmenden Gefühl großer Sitzungssäle zu sehr beeindrucken zu lassen. 

Dein Rat für andere auf einem ähnlichen Weg:

Was würdest du jemandem raten, der einen ähnlichen beruflichen Weg gehen möchte?

Vielleicht doch etwas früher hier und da in interessante Bereiche hineinzuschnuppern. Auch wenn ich es früher vielleicht etwas zu häufig belächelt habe: Praktika* sind wohl in unserer Welt doch keine ganz unnütze Sache.

*Anmerkung der Redaktion: Die Rechte von Praktikant:innen sind seit 2016 unter dem § 26 BBiG des MiLoG erfasst. Dieses Gesetz sieht vor, dass auch Praktikant:innen einen Mindestlohn erhalten müssen, wenn ihre Praktika nicht in der Studienordnung vorgesehen oder zur Zulassung eines Studiums zwingend sind. Diese Regelung wurde unter der damaligen Arbeitsministerin Andrea Nahles geschaffen, um Missbrauch mancher Unternehmen von Berufsanfänger:innen  als billige Arbeitskräfte ohne wirkliche Zukunftsperspektiven im Unternehmen zu vermeiden.


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