Felix Zimmermann: Historiker und Gaming Experte

Mein Name ist Felix Zimmermann. Ich arbeite seit Mai 2022 als Referent für Games-Kultur, politische Bildung und Extremismus bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Zuvor habe ich Public History studiert und meine Doktorarbeit zu Vergangenheitsatmosphären in Digitalen Spielen geschrieben.

Wie sieht dein Berufsalltag aus?

In meiner Arbeit als Referent bei der bpb habe ich große Freiheiten in der Entwicklung neuer Formate, deren Ziel es ist, Zielgruppen in Games-Kontexten zu erreichen, die bisher das Angebot der bpb eher wenig konsumieren, zum Beispiel: https://www.spielbar.de/

Welche Kompetenzen oder welches Wissen, die du im Studium oder in der Promotion erworben hast, helfen dir dabei, deinen Beruf auszuüben? Welche konntest du nicht gebrauchen?

Grundsätzlich zeigt sich, dass die Fähigkeit, selbstbestimmt und selbstständig an Themen zu arbeiten, Forschungsliteratur zu recherchieren und den Forschungsstand aufzubereiten, in meinem Arbeitsalltag als Referent unersetzbar ist. Die große Freiheit, die mit meiner neu geschaffenen Stelle verbunden ist, bedeutet eben auch, sich selbst Ziele und „Milestones“ setzen zu müssen. Ohne solche „Milestones“ wäre ich zuvor niemals durch die Doktorarbeit gekommen. Dabei ist meiner Meinung nach entscheidend, dass diese „Milestones“ so flexibel sein müssen, dass sie angepasst, verschoben, gar verworfen werden können. Neue Forschungserkenntnisse während der Arbeit an der Dissertation haben einen solchen iterativen, teilweise experimentellen Arbeitsprozess notwendig gemacht. Die Formatentwicklung bei der bpb ist jetzt ganz ähnlich: große und kleine Ziele sind nicht in Stein gemeißelt und Formatideen können sich als Fehlschläge erweisen. Darauf kann ich mit den Erfahrungen aus der Doktorarbeitsphase jetzt gelassen reagieren.

Es ist allerdings nicht so, als wäre ich schon mit dieser Gelassenheit in die Arbeit an der Dissertation gestartet. Mehr als alles andere war es ein Learning-by-Doing. Der Austausch mit Kolleg:innen im Graduiertenkolleg (https://artes.phil-fak.uni-koeln.de/) hat hier sicherlich geholfen wie auch die Unterstützung durch meine Erstbetreuerin. ‚Beigebracht‘, in einem engeren Sinne, wurde mir eine solche Arbeitsweise an der Universität allerdings nicht. Deswegen war die Versagensangst durchaus ein steter Begleiter während der Dissertationsarbeit. (Anmerkung der Redaktion: Einblicke in das Projekt finden sich hier: https://artes.phil-fak.uni-koeln.de/index.php?id=40911)

Über diese Metaebene hinaus hilft es im Arbeitsalltag außerdem enorm, dass ich mich im Game-Studies-Forschungsfeld schon so gut auskenne, dass ich mir hier kein umfassendes Wissen aneignen muss. Diese Basis habe ich mir im Master- und Promotionsstudium aufgebaut und davon profitiere ich jetzt.

Wie hast du den Weg zu deinem jetzigen Beruf gefunden?

Auf die Ausschreibung der bpb bin ich bei Twitter aufmerksam geworden. Generell schreibt die bpb recht häufig Stellen aus, weswegen sich ein Blick auf die Website lohnt (Stellenangebote der bpb | bpb.de). Ansonsten habe ich mich natürlich auch über Plattformen wie „interamt“ (INTERAMT – Das Karriereportal des öffentlichen Dienstes) oder „indeed“ (Jobbörse Indeed.com | Deutschlands Jobsuche) informiert, mich für verschiedene Stellen beworben und viele Absagen gesammelt, bevor es dann bei der bpb geklappt hat.

Welche Kontakte oder Erfahrungen haben Dir dabei geholfen?

Der „Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele“ (AKGWDS – https://gespielt.hypotheses.org/) hat mir stets den Rücken gestärkt. Hier teilen wir auch oft Stellenausschreibungen miteinander. Überhaupt glaube ich, dass so ein Netzwerk von gleichgesinnten Forscher:innen und Praktiker:innen von unschätzbarem Wert ist. Ohne den Arbeitskreis wäre es mir nie möglich gewesen, ein gewisses ‚Standing‘ im Games-Bereich aufzubauen. Dieses hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass ich bei der bpb genommen wurde.

Ich nahm bereits während des Masterstudiums am AKGWDS teil. In einem Seminar zur Holocaust-Erinnerung im digitalen Zeitalter war ich auf Arbeiten von AKGWDS-Mitgliedern wie Eugen Pfister gestoßen. Dass der Arbeitskreis derart hierarchiefrei arbeitet und den niederschwelligen Einstieg für Studierende erlaubt, ist ungewöhnlich und motiviert. Ich war ein verunsicherter Student, der überhaupt nicht wusste, wie er sich thematisch verorten sollte. Außerdem zweifelte ich an meiner Expertise im Bereich der geschichtswissenschaftlichen Game Studies. Da war es von unschätzbarem Wert, aufgenommen und in die Projekte des AKGWDS einbezogen zu werden.

Die Mitarbeit im Arbeitskreis hat mir überhaupt erst das Selbstbewusstsein gegeben, mich als Akteur im Forschungsfeld zu positionieren. Und über die Jahre hat mir die stete Wertschätzung durch meine Kolleg:innen dann auch den Mut gegeben, zu glauben, dass ich wirklich gut genug für so eine einflussreiche Institution wie die bpb sein könnte.

Mit welchem Ziel oder welchen Visionen hast Du den wissenschaftlichen Werdegang oder die höhere akademische Qualifizierung (Promotion, Habilitation, Postdoc) verfolgt?

Ursprünglich hatte ich die Promotion tatsächlich mit dem Wunsch begonnen, langfristig in der Wissenschaft zu bleiben. Aber allein die drei Jahre, die ich an der Dissertation gearbeitet habe, waren – trotz Stipendium – so desillusionierend, dass mir recht schnell klar wurde, dass es in der Wissenschaft nicht weitergehen würde für mich. Auch hat mich projektorientierte Forschungsarbeit immer schon mehr gereizt als beispielsweise die universitäre Lehre, weswegen ich schon sehr bald die Augen nach Jobs in Stiftungen oder im öffentlichen Dienst aufhielt.

Gleichzeitig ist mein Eindruck, dass es im Moment großen Bedarf an Menschen gibt, die sich im Games-Bereich auskennen und dieses Wissen in die Stiftungs- oder Behördenarbeit übersetzen können. Ich selbst spiele schon seit meiner Kindheit, habe allerdings erst im Masterstudium erkannt, dass Digitale Spiele tatsächlich eine berufliche Perspektive für mich darstellen könnten – nicht zuletzt durch den AKGWDS.

Das Standing dieses Forschungsfeldes hat sich in den letzten Jahren, vor allem seit den 2010er Jahren, deutlich verbessert. Trotzdem gibt es noch keine breite Institutionalisierung der Game-Studies-Forschung und selbst verdiente Forscher:innen sind in der ewigen PostDoc-Befristungsfalle gefangen. Immerhin hat das zunehmende Forschungsinteresse auch dazu beigetragen, dass Stiftungen, Behören, Gedenkstätten u.ä. Digitale Spiele zunehmend für ihre Vermittlungsarbeit einsetzen möchten. Forschungsbemühungen und -kommunikation haben hier sicherlich geholfen, Vorurteile dem Medium gegenüber abzubauen und Potenziale herauszustellen.

Die bpb hat recht früh den Games-Bereich für sich entdeckt und betreibt schon seit vielen Jahren die Plattform spielbar.de. Dass der zuständige Bereich allerdings jetzt mit meiner Stelle sogar noch erweitert wurde, unterstreicht noch einmal die wachsende Bedeutung von Games Studies und Games-Kultur in einem außerakademischen Arbeitsumfeld. Diese Entwicklung wird sich vermutlich fortsetzen.

Welche Persönlichkeit – denkst Du – sollte jemand haben, die/der Deinen Job macht?

Die Tätigkeit als Referent:in ist für die Personen geeignet, die sich mit den Anteilen der wissenschaftlichen Arbeit wohlfühlen, die selbstständige Recherche und Themenfindung verlangen. Aber es sollte auch ein Interesse an Anwendungen der Forschung in je unterschiedlichen sozialen Feldern geben, denn es geht ja dann nicht mehr um Forschung um der Forschung willen – was natürlich mittlerweile auch im wissenschaftlichen Alltag vor allem Wunschdenken ist –, sondern um Wissensvermittlung in verschiedensten Kontexten. Die Frage ist dann weniger, was noch zu erforschen wäre, sondern was mit dem Wissen, das es gibt, gemacht werden kann, um die Zielsetzung der jeweiligen Institution zu unterstützen, bei der man als Referent:in arbeitet.

Was würdest du jemandem raten, der einen ähnlichen beruflichen Weg gehen möchte?

Ich habe mich schon seit dem Masterstudium sehr stark spezialisiert. Allerdings war meine Spezialisierung auf Digitale Spiele von Anfang an eine, die sehr gut zum „Zeitgeist“ passte. Das lässt sich nur bedingt planen – da war ich zur rechten Zeit am rechten Ort. Allerdings schlummert in jeder wissenschaftlichen Arbeit ein gesellschaftlicher Mehrwert, der mal mehr, mal weniger leicht herauszukitzeln ist. Sich derart aufzustellen, dass man mit der eigenen Arbeit über die engere Wissenschaftscommunity hinaus in die Gesellschaft hineinwirken kann und möchte, halte ich für entscheidend. Hierfür können Kommunikationsplattformen wie Twitter sehr hilfreich sein, um sich ‚einen Namen zu machen‘.

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